Warum ich ein Stück weit den Glauben an die europäische Union verloren habe!

Im Grunde meines Herzens stehe ich für den europäischen Gedanken. Länder, Völker und Menschen sollen ohne Einschränkungen zusammen kommen können, zusammen arbeiten, zusammen feiern, einfach sich treffen können. Sie sollen Kontakt haben unter einander ihre unterschiedlichen Kulturen pflegen voneinander lernen miteinander fröhlich sein.

Viele Jahre lang habe ich mit Herzblut an EU Projekten mitgearbeitet und der europäische Gedanke war ein Teil von mir. In vielen Koproduktionen zur EU-Osterweiterung, konnte ich die europäische Vielfalt im europäischen Fernsehen präsentieren und in dem Zusammenhang auch viele tolle Menschen kennen lernen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind.

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Daher war es für mich auch nie eine Frage ob es eine Wahl brauche ob sie sinnvoll sei oder gar wichtig. Für mich war es ganz selbstverständlich das es auch eine EUropa-Wahl geben müsse und dass sie wichtiger noch sei, als all die anderen Wahlen die wir dieses Jahr schon absolvieren mussten.

 

Ein deutsches Problem, oder ein Europäisches?

Was aber dann passiert macht mich einfach fassungslos, lässt mich den Glauben an die EU komplett verlieren. Wobei ich mir nicht sicher bin ob es ein deutsches Problem ist oder ob es ein allgemein EU-weites Problem.

Da bekommen wir zwei Spitzenkandidaten präsentiert die werden hochgejubelt die werden durch die Medien gezerrt, stellen sich einem Fernsehduell. Spätestens jetz muss man sagen, es hat ein gewisses Gewicht. Aber dann passiert was ganz ganz Seltsames.

Es wird gewählt, die Menschen sind fasziniert vom einen oder vom anderen Spitzenkandidaten. Sie positionieren sich, sie wählen nicht mehr nach der Partei aus, schauen nur welcher Kandidat ist Ihnen der liebste und machen da ihr Kreuz.

Und da liegt genau das Problem: Ich unterstelle, das war ein Kalkül unserer hoch geschätzten Politiker, die Wähler im Glauben zu lassen dass sie einen Spitzenkandidaten wählen und dass er dann auch Kommissionspräsident wird für mehrere Jahre. In Wirklichkeit aber ist ganz klar dass Deutschland entschieden hat dass über einer schwarzen Führung auf keinen Fall ein deutscher roter Kommisar Europa leiten kann. Das unterstelle ich jetzt einfach mal so, denn so kommt es beim Menschen, beim Wähler an.

 

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Es standen NUR Parteien zur Wahl, keine Personen!

Sicher haben sie das Recht zu entscheiden. Natürlich ist es nirgendwo festgelegt dass ein Spitzenkandidat zur Wahl steht für die Eujropa-Wahl sondern dass nur Parteien gewählt werden, ganz klar. Nur warum präsentiert man den geneigten Wähler dann überhaupt Spitzenkandidaten?! Wo doch angeblich dem Wähler so egal ist was in der EU passiert oder vielleicht gerade deswegen?

Aber vielleicht ist dem Wähler gar nicht egal was europaweit passiert, vielleicht ist der Wähler gar nicht so dumm wie gehofft geglaubt wird von unseren lieben Politikern, vielleicht durchschaut er das Spiel sogar?

Könnte es nicht sein dass der liebe Wähler weiß, dass der Großteil unserer Gesetze in Brüssel entschieden und verabschiedet wird und ist genau das der Grund warum es überhaupt nicht sein kann, dass ein deutscher SPD Politiker Kommissionspräsident wird? Alles aus dem Blickwinkel unserer deutschen Regierungspolitiker gesehen!?

 

Darf Deutschland nicht mehr solz sein?

Nur wo bleibt da der gewisse deutsche Stolz, den wir uns alle verkneifen, weil es ja falsch ausgelegt werden könnte. Ein Deutscher an der Spitze der europäischen Union, ist es da nicht egal welche Partei solange seine Idee sein Programm stimmt?

Wie war das nochmal “wir sind Papst”? Plötzlich quoll Deutschland über vor Stolz, allen voran unsere lieben Politiker. Ob sie damals auch erstmal nach dem Parteibuch gefragt haben?!

Im Umkehrschluss sollten wir auch vor den nächsten WM-Spielen erstmal die politische Einstellung unserer Fußballspieler hinterfragen um zu entscheiden ob wir für sie oder für den Gegner jubeln.

 

Eine nette kleine Feinheit sollten wir auch nicht aus den Augen verlieren:

Der ach so tolle Deal, dass Herr Schulz auf die Kommissionspräsidentschaft verzichtet wenn er im Gegenzug Europas Parlamentspräsident wird ist eine Farce. Der geneigte Wähler sollte vielleicht darüber informiert werden, dass der EU Parlamentspräsident von den Mitgliedern des Europa Parlamentes gewählt wird und nicht bestimmt wird von den Politikern des jeweiligen Herkunftslandes des Kandidaten. Außerdem ist im Gegenzug zum Kommissionspräsidenten, der für fünf Jahre festgelegt wird, der EU-Parlamentspräsident nur zweieinhalb Jahre im Amt. Und wie vielleicht jedem doch bekannt sein sollte, war Herr Schulz oder ist gerade eben noch, EU-Parlamentspräsident, das heißt seine Amtszeit läuft heuer aus. Bislang habe ich noch nicht erlebt dass zwei Jahre aufeinanderfolgend ein und dieselbe Person aus ein und demselben Land EU-Parlaments-Präsident geworden ist.

Warum wählen, es wird doch eh anders entschieden

Die lieben herrschenden Politiker in unserem Land sollen sich bitte nicht wundern wenn die Wahlbeteiligung noch mehr zurückgehen wird. Wozu noch wählen gehen wenn doch anders entschieden wird.

Das Volk spricht mit Wählerstimme – den Gewählten und Nicht-Gewählten passt das Ergebnis nicht und dann wird so lange rum diskutiert, werden wochenlange Verhandlungen geführt, bis wir alles so hin gebogen bekommen dass es uns Politikern, die wir das Land regieren wollen, passt. Dabei wird geflissentlich übersehen dass es sich ja um Volksvertreter handelt – vom Volke gewählt.

Nun muss ich natürlich sagen dass es eigentlich egal ist wer Kommissionspräsident wird, ob Jean Cloude Juncker oder MartinSchulz. Es wurde schnell klar dass sie beide das gleiche Programm verfolgen dass sie beide die gleiche Einstellung haben und dass sie beide eine sehr strikte Art haben, auch ihre Interessen durchzusetzen. Insofern ist es mir eigentlich egal wer von beiden Präsident wird aber so kleines bisschen deutschen Stolz habe ich dann doch und hätte schon gerne einen deutschen an der Spitze der Kommission der Europäischen Union gesehen.

 

Der Deutsche leidet gerne still für sich

Aber was soll’s – tun wir das, was wir Deutsche am besten können: Ziehen wir uns zurück, lassen wir es uns gefallen, schweigen wir, leiden leise vor uns hin, nehmen alles hin wie es von oben für uns entschieden wird. Egal ob zum Wohle des Volkes oder zum Machterhalt unserer lieben Politiker.

 

Ich überlege mir gerade nur, wie meine Gäste darauf reagieren würden, wenn ich sie mehrere Wochen lang darüber entscheiden und abstimmen ließe, ob sie eine Grill-Party oder ein Gala-Buffet haben möchten. Am Tag der Einladung warte ich dann mit einer Auswahl an Eintöpfen auf.

Würde da nicht jeder fragen –

“Warum habt ihr uns eigentlich wählen lassen?!”

 

Also, bitte nicht wundern, wenn sich diese Frage in ein paar Jahren der geneigte Wähler auch stellt. Für den Sonntagnachmittag weiß sicher jeder auch was Sinnvolleres anzufangen.

Stern

 

PS: noch eine kleine europäische Anmerkung sei mir gestattet. Nach wie vor brenne ich für den europäischen Gedanken. Zu viele tolle Menschen habe ich kennenlernen dürfen, mit denen ich nach wie vor engen Kontakt pflege.